Das Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZK/U) im ehemaligen Güterbahnhof Moabit ist von einem öffentlichen Park umgeben. Der Stadtgarten Moabit und das ZK/U bilden gemeinsam einen generationenübergreifenden Kultur-, Lern- und Aktionsort, der von den Folgen des Klimawandels unmittelbar betroffen ist. Lange Dürreperioden, extreme Hitze- sowie Starkregenereignisse wirken sich spürbar auf Flora und Fauna der öffentlichen Flächen aus und führen zugleich zu Einschränkungen des Kunstbetriebs am und im Gebäude. Diese konkreten klimatischen Veränderungen markieren nicht nur eine ökologische, sondern auch eine epistemische Zäsur: Sie machen die Grenzen einer anthropozentrischen Vorstellung von Kontrolle, Planung und Nutzung urbaner Räume sichtbar.
Mit dem 2025 abgeschlossenen Ausbau des ZK/U ging die Schaffung neuer Workshopflächen sowie die Entstehung einer weithin sichtbaren urbanen Bühne auf der Dachterrasse einher. Im Zuge dieser Weiterentwicklung begegnete das ZK/U seiner eigenen Klimabetroffenheit durch konkrete künstlerische Interventionen und experimentelle Prototypen. Diese beziehen die Nutzer:innen des Parks und des Hauses aktiv in Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse ein und formen einen Parcours künstlerischer Arbeiten zur Anpassung an den Klimawandel. Dabei wird nicht nur für gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen sensibilisiert, sondern es werden auch mobilisierende Handlungsvorschläge erprobt, niedrigschwellig dokumentiert und einem breiten Publikum zugänglich gemacht.
Im Sinne von Planetary Agencies versteht sich dieser Parcours zugleich als diskursive Untersuchung einer urbanen Zukunft, in der menschliche Eingriffe die Umwelt unauslöschlich geprägt haben. Die künstlerischen Arbeiten hinterfragen rückblickend jene Entscheidungen, die aus einer übersteigerten Annahme menschlicher Zentralität hervorgegangen sind, und machen deren langfristige ökologische Konsequenzen erfahrbar. Zugleich wird ein Perspektivwechsel angestoßen: Die Rolle des Menschen wird innerhalb eines vielschichtigen ökologischen Netzwerks dezentriert gedacht, in dem auch Pflanzen, Tiere, Mikroorganismen, technische Infrastrukturen und algorithmische Systeme als wirkmächtige Akteure auftreten.
In Kooperation mit dem Berliner Kultursenat, einem nachbarschaftlichen Partner, der StadtManufaktur Berlin (Reallaborzentrum der TU Berlin), dem Civic-Science-Projekt Hiveeyes sowie weiteren lokalen und überregionalen Partnern entstanden künstlerische Prototypen zur konkreten Anpassung des ZK/U an extreme Hitze, Dürre und Starkregen. Ein Green Curtain wurde zum Symbol innovativer Gebäudekühlung; von Medienkünstler:innen entwickelte Selbstbau-Sensorik-Sets lassen Bäume und Bienen über ihren Zustand „sprechen“ und fordern eine aktive Sorge- und Pflegepraxis durch Bürger:innen ein. Skulpturale Wasserspeicher sensibilisieren für Dürre, Nutzpflanzen kühlen das Gebäude und tragen zur Ernährung der Hausnutzer:innen bei.
Diese Maßnahmen verstehen „Agency“ nicht als anthropomorphe Zuschreibung, sondern als relationale Fähigkeit, Umweltbedingungen zu beeinflussen und auf sie zu reagieren. Nicht-menschliche Akteure werden dabei nicht nur sichtbar gemacht, sondern als integrale Bestandteile urbaner Entscheidungs- und Aushandlungsprozesse begriffen.
Ein durchgehendes Vermittlungsprogramm mit Performances, Workshops, Konferenzen, Podcasts, einem künstlerischen Ideenwettbewerb sowie einem Handlungsparcours förderte den wechselseitigen Wissensaustausch zwischen Bürger:innen, Wissenschaft, Kunst und Technologie. Dabei wurde eine material-semiotische Perspektive erprobt, die materielle Prozesse – wie Wasserflüsse, Temperaturveränderungen oder biologische Zyklen – ebenso berücksichtigt wie narrative, visuelle und symbolische Ebenen der Bedeutungsproduktion.
Das Gesamtprojekt zielte darauf ab, modellhafte, kooperative und nachhaltige Klimaanpassungsmaßnahmen zu entwickeln und deren Übertragbarkeit auf andere bestehende Institutionen zu prüfen. Die künstlerischen Arbeiten schaffen Aufmerksamkeit für kommende Herausforderungen und regen zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Verantwortung, Teilhabe und Governance im Anthropozän an. Kommuniziert wird dabei, dass die Ausbildung einer bürger:innenorientierten Klimaanpassungskompetenz nicht nur gesellschaftlich positive Effekte erzeugt, sondern auch zu größerer Akzeptanz und aktiver Mitwirkung bei der Umsetzung von Maßnahmen führt.
Im Verbund mit der StadtManufaktur Berlin und dem Reallaborzentrum der TU Berlin wurden Teile des Konzepts als übertragbares Transformationswissen regional wie international sichtbar und verfügbar gemacht. Zugleich verstand sich das Projekt als Labor und Bühne für Künstler:innen, die in den Feldern climate justice, relational aesthetics und public art arbeiten. Aufbauend auf den Erkenntnissen aus dem Klimakunstlabor 2021 und 2022 auf der BauSchilderung und im Moabiter Stadtgarten verankert sich das Projekt in einer langfristigen Forschungspraxis, die das urbane Zusammenleben von menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren neu denkt – nicht als Utopie oder Dystopie, sondern als realistisches Denk- und Handlungsmodell für eine resiliente, vielstimmige Stadtlandschaft.
Gefördert vom Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
Mehr Informationen zum BMUKN und dem Projektträger. Förderkennzeichen: 67DAS274.